Torgauer Zeitung - 21. Oktober 2025
Tagelang war das über 200 Jahre alte Eingangsportal verpackt. Grund war keine Kunst-Aktion, sondern eine aufwendige Schädlingsbekämpfung gegen Hausbock und Nagekäfer.
Von Silke Kasten
Torgau/Graditz.
Mehrere Tage war das historische Torhaus von weißen Planen verhüllt, die inzwischen aber wieder verschwunden sind. Ein Kunst-Happening in der Provinz? Weit gefehlt, denn der Anlass ist profan: Grund für die außergewöhnliche Maßnahme war eine Schädlingsbekämpfung mittels Gas. „Es gab einen Geschossübergreifenden, aktiven Insektenbefall des Torhauses durch Hausbock und Nagekäfer“, teilte Raphael John vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB) auf Anfrage mit.
Um die Schädlinge zu bekämpfen, entschied sich das SIB für ein besonders aufwendiges Verfahren: die Begasung. „Dabei kommt das Gas Sulfuryldifluorid zum Einsatz“, so John. Um ein Austreten der giftigen Dämpfe zu verhindern, musste das gesamte Objekt mit Folie luftdicht umschlossen werden. Zwecks Anbringung der Planen waren auch Arbeiter mit drei Hubbühnen im Einsatz.
Wie funktioniert das erfahren?
„Nach der kompletten Abdichtung wird das Gebäude mit Gas befüllt“, erläutert Diplom-Ingenieur Marco Müller von der Schädlingsbekämpfungsfirma Groli in Dresden, die den Auftrag erhalten hatte. „Das Gas tötet dann alle Stadien des Insekts ab: Eier, Larven, Puppen und das voll ausgebildete Insekt.“
Und warum fiel die Wahl auf dieses Verfahren? Um Holzschädlinge zu bekämpfen, stehen auch thermische sowie chemische Mittel zur Verfügung – sofern die befallenen Holzteile nicht gleich komplett ausgetauscht werden. „Die Wahl fiel auf das Gas, weil es sich um die materialschonendste, zeitgünstigste und wirkungsvollste Methode handelt“, so Müller. Deshalb werde dieses Vorgehen beispielsweise auch angewandt, um wertvolle antike Möbelstücke zu retten.
Nach drei Tagen wird das Gas wieder abgesaugt und das Gebäude gelüftet. Ist die Luft im wahrsten Sinne wieder rein, kann die Hülle abgenommen werden. Kostenpunkt der Maßnahme in Graditz insgesamt: 218.000 Euro. Die aufwendige Aktion wurde durch einen Sachverständigen für Holzschutz und einen Fachplaner für Tragwerks- und Objektplanung begleitet. Die Denkmalpflege und die Untere Naturschutzbehörde des Landratsamtes Nordsachsen waren ebenfalls involviert.
Das Torhaus beherbergt die historische Wagenremise, den Hafervorratsboden sowie das einstige Reithaus, jetzt Longierhalle. Es dient heute der Unterbringung von Kutschen und Pferdeschlitten, der Einlagerung von Ausstellungsstücken des Gestüts sowie dem Longiertraining von Pferden.
Und welche Arbeiten sind noch geplant? „In der ersten Jahreshälfte Putz- und Malerarbeiten in der Longierhalle ausgeführt“, erläutert John. „Vorgesehen
sind auch Zimmerarbeiten, um die geschädigten Konstruktionshölzer im Dachstuhl statisch wieder zu ertüchtigen.“ Alle Arbeiten sollen voraussichtlich Ende Juni 2026 abgeschlossen sein. Das Eingangsportal im klassizistischen Stil mit mittiger Durchfahrt wurde um 1800 nach Entwürfen des sächsischen Oberbaumeisters Christian Traugott Weinlich errichtet. Noch heute gibt es eine sichtbare Erinnerung an diese Zeit: So sind die alten Wagenspuren der Kutschen noch immer im Sandsteinpflaster zu sehen.
Am Vorbau über der Toreinfahrt ist das Wappen von Friedrich August, Kurfürst von Sachsen, angebracht. Unter dem Hut des Sächsischen Kurfürsten finden sich die Initialen „F. A.“. Das Dach ziert ein Uhrtürmchen mit Uhr, Schlagwerk und der Wetterfahne in der Silhouette eines Pferdes.
Im rechten Gebäudeteil des Graditzer Gestütes befindet sich das einstige Reithaus, welches aktuell als Longierhalle genutzt wird. Der linke Gebäudeteil beherbergt die historische Wagenremise, wo die Kutschen des Gestütes untergestellt werden. Das große Obergeschoss diente einst als großer Haferspeicher.
Gestüt Graditz – eines der ältesten in Europa
Das Gestüt Graditz ist eine traditionsreiche und bedeutende Pferdezuchtanlage. Es gilt als eine der ältesten und schönsten Gestütsanlagen Europas und blickt inzwischen auf über 300 Jahre Geschichte zurück.
Seit dem 19. Jahrhundert ist Graditz ein Zentrum der Englischen Vollblutzucht. Besonders unter Graf Georg von Lehndorff wurde die Zucht durch Importe von Stuten und Hengsten international ausgezeichnet. Nach der politischen Wende wurde die Vollblutzucht privatisiert.
Im Hauptgestüt Graditz, das neben dem Landgestüt Moritzburg zum Staatsbetrieb Sächsische Gestütsverwaltung zählt, werden vor allem Warmblüter gezüchtet.
Die gesamte Anlage mit Schloss, Gestütspark und den original erhaltenen historischen Gebäuden sowie dem Graditzer Park gilt als kulturhistorisch bedeutsam
und ist architektonisch eng mit Pöppelmann und dem höfischen Erbe Sachsens verbunden. Das Gestüt ist ein zentraler Ort sächsischer Pferdekultur, Berufsausbildung und Zuchttradition.